Raunächte_Mutternächte

Die Raunächte als "Mutternächte"
Salzburger Perchtenbrauchtum goes social media

"Wie wird das werden mit dem neuen Jahr, wenn aufgrund der Corona-Maßnahmen auch keine Bräuche gelebt werden können?" Diese Frage wurde am Beginn der Raunächte 2020 mehrmals an mich herangetragen. Die alten Bräuche konnten nicht in dem Ausmaß und Umfang stattfinden wie bisher. Doch vielleicht hat es auch bei den Bräuchen eine Reduzierung aufs Wesentliche gebraucht?


Die großen Perchten-Showläufe waren nicht möglich. Die Bräuche "vor oder für Publikum zu veranstalten", das war untersagt. Brauchtum im ursprünglichen Sinne ist aber auch keine "Veranstaltung" und Publikum braucht es dafür schon gar nicht.


Berührt haben mich in den Corona-Rauhnächten die Bilder von Vätern mit ihren Kindern im Perchtengwandl, die "coronakonform" rund um Haus und Hof marschiert sind. Weil der Brauch gelebt gehört. Unterstützend und begleitend dazu habe ich damals in der "Corona-Wintersonnwend-Rauhnachtszeit" 2020/21 jeden Tag auf Facebook ein Bild mit einem kurzen Erklärungstext veröffentlicht.


Inzwischen ist das jährliche Posten meiner perchtig-prächtigen Beiträge zu einer beliebten Wintersonnwend- und Raunachtstradition geworden. Für all jene, die nicht auf Facebook oder die sich die Beiträge gerne auf diese Weise anschauen wollen, hab ich diese auch hier zusammengefasst.






Alles erscheint heutzutage auf die Minute bestimmbar, so auch der Zeitpunkt der Wintersonnenwende. Für die Menschen des Alten Volkes war es eine Phase über mehrere Tage, in der die Kosmische Göttin das Sonnenkind neu geboren hat. Dann wurde am 25. Dezember ein großes Fest für die kosmische Mutter gefeiert und im Anschluss daran folgen „die Zwölften“. Die zwölf Mutternächte, in denen Frau Percht und Frau Holle mit den Seelchen herumziehen…

Als alte Göttin im Brauchtumskleide erscheint Frau Percht in der Raunachtszeit in den Tälern und Orten im Alpenraum. Doch wieso ist es vor allem für Frauen so wichtig, sie wieder als Diejenige zu erkennen, zu benennen, zu verehren, als die sie von den Menschen über Jahrtausende gesehen wurde? "Warum Frauen die Göttin brauchen..."

Kein traditioneller Salzburger Perchtenlauf ohne Hexen. Mit ihren Reisigbesen begleiten sie den Zug der Perchten durch die Täler und Ortschaften. Hinter den sogenannten „Hexen“ verbergen sich die Schamaninnen und Priesterinnen der Göttin, die weisen, kräuterkundigen Frauen und die Hebammen. All jene Frauen, die um die Geheimnisse rund um Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt wussten, all jene Frauen, die nicht bereit waren, von ihrer angestammten, naturverbundenen Spiritualität zu lassen, wurden am Beginn der Neuzeit über drei Jahrhunderte als „Hexen“ diffamiert, verfolgt und getötet.


Auch aus ihrer alten Göttin im Alpenraum, Frau Percht genannt, wurde vom Christentum ein Kinderschreck und ein „böser Dämon“ gemacht. In Kirchenbüchern lässt sich nachlesen, wie es den Menschen immer wieder verboten wurde, in den Raunächten Teller für Frau Percht und die Seelchen aufzustellen.

Alle Jahre wieder kommen um diese Zeit nicht nur das Christkind, sondern hier bei mir auch die Fragen, wann die Raunächte denn nun tatsächlich beginnen und wie viele es richtigerweise wären. Die kommende „Mettennacht“ zählte für die Menschen des Alten Volkes noch nicht zu den „Mutternächten“, aus denen im Laufe der Christianisierung das wurde, das wir heute als „Raunächte“ bezeichnen.


Eine „Mette“ ist eine Messe, die spätabends, in der Nacht oder am frühen Morgen stattfindet. Die im christlichen Kontext nötig gewordene Bezeichnung „Christmette“ ist der Hinweis darauf, dass sie auch diese vorchristliche Bezeichnung für nächtliche Rituale im Jahreskreis für ihre Zwecke vereinnahmt und umgeformt haben. Wir sehen daran auch, dass die Kirchenmänner die „Mettennacht“ des Alten Volkes übernehmen mussten, weil die Menschen nicht dazu bereit waren, dieses für sie so wichtige, magisch-rituelle Feiern in der Nacht vor dem Berchten- oder Hollefesttag aufzugeben, an dem sie die Große Mutter geehrt und gefeiert haben, die sie alle Jahre wieder das Sonnenkind aus ihrem Schoß gebiert.

Heute beginnen die sogenannten „Zwölften“, die auch als die "zwölf Mutternächte" bezeichnet werden und aus denen die uns heute bekannten Raunächte wurden. Als „Mutter der Seelen“ zog Frau Holle in Zeiten des Alten Volkes mit den Seelchen unter ihrem Mantel umher, die eine neue Mutter suchten. Im Alpenraum ist es Frau Percht, welche die Seelchen in ihrer Kraxn zurück auf die Erde bringt.Im Alpenraum ist es Frau Percht, welche die Seelchen in ihrer Kraxn zurück auf die Erde bringt. Für sie und die Seelchen wurden von den Frauen in den Mutternächten Speisen ins Freie oder auf die Tische in den Stuben gestellt. Es bringt Glück und Segen, wenn Frau Percht in die Häuser einkehrt, denn vielleicht lässt sie ein Kinderseelchen und hoffentlich viele Tier- und Pflanzenseelchen für das kommende Jahr da.

Stefanietag: Seit heute dreht es sich wieder, das Jahresrad…

So hoch wie die Tresterer hüpfen, so hoch wird im kommenden Jahr das Getreide wachsen. Doch schamanische Ursprünge hat der Tresterer-Brauch natürlich keine, so die feste Überzeugung im katholisch geprägten Salzburger Pinzgau - auch wenn ihr Federkopfschmuck aussieht wie jener ihrer nordamerikanischen Schamanen-Brüder und die bunten Bänder vor ihren Gesichtern direkt aus der Mongolei stammen könnten.

Der 28. Dezember ist bekannt als „Tag der unschuldigen Kinder“. Auch in dieser Gräuel-Geschichte der katholischen Kirche verbirgt sich ein alter, vorchristlicher Brauch, der in Teilen Kärntens und der Steiermark noch praktiziert wird. Kinder gehen an diesem Tag von Haus zu Haus und wünschen durch das Berühren mit Zweigen oder Ruten Gesundheit und Glück für das neue Jahr.


Hinter diesem alten Brauch zeigen sich wiederum die Seelchen, die in früherer Zeit in den Rauhnächten unter dem Mantel von Frau Holle und in der „Kraxn“ von Frau Percht unterwegs zu den Menschen waren und deren Erscheinen die Menschen des Alten Volkes als ein gutes Zeichen für das kommende Jahr betrachteten, denn mit den Seelchen brachten Frau Holle und Frau Percht das neue, junge Leben in die Häuser und Ställe und natürlich auch auf die Felder und Wiesen.

Fest in männlicher Hand ist das Perchtenbrauchtum hier im Salzburger Land. Stolz tragen junge und weniger junge Pongauer Männer beim Perchtenlauf die original Pongauer Miedergewand-Tracht ihrer Mütter und Großmütter. Roter Lippenstift gehört genauso zu ihrem Erscheinungsbild wie eine entsprechend ausgestopfte Oberweite. Keck sitzt der schwarze Trachtenhut samt traditioneller Bänderschleife im Nacken, auf ihren Köpfen. Manch einer dieser Männer ist so glattrasiert und so gekonnt herausgeputzt, dass er auf den ersten Blick tatsächlich für eine Frau gehalten werden könnte.


Doch das kann und darf auf keinen Fall sein: Frauen beim traditionellen Pongauer Perchtenlauf! „Die Frauen“ schauen zwar aus wie Frauen, sind aber keine Frauen und damit das so bleiben möge, dass auch in den Frauentrachten Männer stecken, darauf haben die männlichen Bewahrer des Salzburger Perchtenbrauchtums ein kontrollierendes Auge. Von „strikter Tradition“, sprach dazu der Altenmarkter Perchtenhauptmann Rupert Fritzenwallner in einem Salzburger Nachrichten-Beitrag vom Jänner 2011. Wer weiß, vielleicht liegt das vehemente Festhalten der Männer an den weiblichen Rollen ja nur daran, dass sich der Schnaps ohne Maske vorm Gesicht leichter trinken lässt?

Jahr für Jahr lässt Mutter Erde das neue Leben aus ihrem Erdenschoss wachsen. Damit auch das kommende Jahr ein in vielerlei Hinsicht fruchtbares Jahr werden möge, haben die Menschen des Alten Volkes das, was Mutter Erde im Großen tut, in ihren jahreszeitlichen Ritualen im Kleinen abgebildet und gefeiert.


Am Ende der Rauhnächte tragen hier in meiner Salzburger Heimat die sogenannten Tafel-Schönperchten meterhohe Gebilde in Dreiecks- und Rautenform durch die Dörfer und Täler. Das Dreieck ist das älteste, bereits in der Altsteinzeit belegte Symbol für den lebenserneuernden Schoß der Göttin. In der Raute begegnen uns zwei zusammengesetzte Dreiecke, ein Symbol für die Göttin an sich. So bunt und vielfältig wie das Leben auf der Erde, so erscheinen auch die Tafeln der Schönperchten. Mit Stolz tragen die Männer diese Symbole für den Schoß, den Leib von Mutter Erde auf ihren Köpfen, aus dem das Leben in all seinen Formen und Facetten wieder „erblühen“ möge.

Als Werch- und Zapfenmandl erscheint der „Grüne Mann“ bei den Salzburger Perchtenläufen in seinem Winterkleide. Und alles andere als „vertrocknet“ ist sein rauhnächtliches Treiben. Während die Tafelperchten den Bewohnerinnen und Bewohnern der Höfe und Häuser mit ihrem Tanz die Referenz erweisen, schwingen sich Werch- und Zapfenmandl flink und schnurstracks hinauf auf die Balkone, um den jungen Frauen einen Besuch abzustatten. Schließlich soll auch das neue Jahr wieder zu einem in vielerlei Hinsicht fruchtbaren Jahr werden…

In der letzten Rauhnacht sind sie unterwegs, die Nonner Perchten aus Bad Reichenhall. Schwarz wie die Nacht ist ihr Gesicht, weiß und hell wie der Tag ihr Hemd. Fruchtbarkeit bringt ihr Erscheinen in die Häuser und auf die Höfe und wer ihnen begegnet auf ihrem Zug, wird mit fruchtbar machendem Ruß im Gesicht eingerieben.

Auch in der Salzburger Altstadt gibt es traditionelles Perchtenbrauchtum zu entdecken. Die Glöckler tragen am 5. Jänner, in der letzten Rauhnacht, die freudige Botschaft, dass das Lichtkind die doch etwas heikle Phase des Wochenbettes gut überstanden hat, auch zu den Menschen in der Stadt. Ab nun wird es von Tag zu Tag weiter wachsen und an Kraft zunehmen, zu Lichtmess schon a ganze Stund‘…

„In vielen Häusern und Hütten ist es noch jetzt Sitte, am Abend vor dem Heiligen Dreikönigstage nach der Mahlzeit auch eine Schüssel mit Milch auf den gedeckten Tisch zu stellen. Man nennt diese die "Perchtlmilch". Man glaubt, dass in solchen Häusern die Frau Percht einkehre und samt den Kindern von der Milch etwas genieße. Hie und da ist es auch Brauch, dass von der letzten Speise des Nachtmahles ein kleiner Rest in der Schüssel für die Percht übriggelassen werde.“


Eine besondere Beschreibung zum Kochen der „Perchtlmilch“ findet Ihr bei „Pinzgauer Naturzauberwerke“ von Suanne Mitterer: https://www.naturzauberwerke.at/die-perchtnacht/

Ein magisches Jahr der Erde hat sich vollendet und ein neues beginnt...

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