Spiritualität

Matriarchale Spiritualität




...damit Frauen sich wieder erinnern,
dass sie nicht aus einer
männlichen Rippe erschaffen wurden!

- Tina Vidal -

Matriarchale Spiritualität unterscheidet sich grundlegend von den Religionssystemen patriarchaler Gesellschaften. In matriarchale Kulturen wird alles als heilig betrachtet. Ihr Begriff von Göttlichkeit ist immanent. Der größte Stern und der kleinste Grashalm sind göttlich. Das bedeutet, daß für sie die Welt selbst göttlich ist und zwar weiblich göttlich.

Das belegt die weltweite verbreitete Vorstellung von den beiden Urgöttinnen Kosmos und Erde. Die kosmische Urgöttin ist die Schöpferin der Welt an sich: die ägyptische Nut, die alles aus sich gebar oder die mittelmeerische Eurynome, die das Welt-Ei hervorbrachte, aus dem alle Dinge fielen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Erde gilt als ihre Tochter, sie ist als Urmutter alles Lebendigen auch eine Urgöttin, wie z.B. die prä-hellenische Gaia-Rhea, die indische Prithivi, mit mittelmeerische Magna Mater, die alteuropäische Dana-Ana zeigen.

Diese Urgöttinnen spiegeln die matriarchale Auffassung, daß das Weibliche das Umfassende ist. Ein Gedanke, den wir auch in der altchinesischen Lehre vom „Tao“ als dem umfassenden Weiblichen wiederfinden.
Noch im Mittelalter ist die Rede von „Frau Welt“, die wie „Frau Holle“ oder „Frau Venus“ eine Göttin ist die alle Wesen umfaßt. Deshalb sind wir stets „auf der Welt“ oder „in der Welt“ und niemals getrennt von ihr. In dieses umfassende Weibliche eingebettet entwickelt sich alles Weitere in zueinander gehörenden Polaritäten: Licht und Dunkel, Sommer und Winter, Bewegung und Ruhe, Weiblich und Männlich…

Diesen komplementären Polen wird im Matriarchat keine Wertung untergeschoben und ihr Wirken entwickelt sich nicht in Gegensätzen, sondern im dynamischen Wechselspiel. Erst in den patriarchalen Religionen und Philosophien wurden das Weibliche, das Dunkle etc. als negativ abgewertet. Die matriarchale Welt hingegen wird nur dann als heil betrachtet, wenn die Polaritäten in vollkommener Balance sind.

Patriarchale Religionen sind geprägt von einem transzendenten Gott außerhalb der Welt, dessen Existenz nicht erfahren werden kann, sondern geglaubt werden muß.

(nach der Definition der matriarchalen Spiritualität von Heide Göttner-Abendroth)

Die Göttin

Um unserer Zukunft willen müssen wir zu den matriarchal-mystischen Quellen zurückkehren, um von dort frisches Wasser des Lebens zu holen und unseren Durst nach ganzheitlichem Leben zu stillen.
Diese heilsame Rückkehr zu den weiblichen Werten in Politik und Religion ist kein Rückfall, sondern eine Umkehr zum Leben für Bäume, Flüsse, Luft und Menschen.
Eine innere Umkehr zu einer Haltung, die Gesetze der Natur höher zu achten als unser Bedürfnis nach Herrschaft über sie und Gewinn aus ihr und die Materie zu heiligen, anstatt sie zu schänden und zu entehren.
- Jutta Voss -
Begriff von der Göttin:

Die „Göttin“ ist keine abstrakte Instanz außerhalb der Welt, sondern sie ist der gesamte Kosmos und die Erde selbst. Die „Göttin“ ist konkret. Sie ist als „Kosmos“ als „Frau Welt“ in ihrer Gesamtheit universell und als „Mutter Erde“ gleichzeitig auch lokal. Diese Vorstellung von der Göttin prägt die matriarchale Spiritualität.

Die Menschen wohnen ganz lokal auf ihrer Göttin, denn ihre Häuser liegen in bestimmten, unverwechselbaren Landschaften. Als die „Eine mit den tausend Gesichtern“ wird sie deshalb verstanden, denn überall zeigt sie sich in verschiedenen Gestalten. In den Alpen als Berggöttin, an den Küsten als Meeresgöttin oder als Flußgöttin, die den Menschen und ihren Feldern Fruchtbarkeit schenkt.

Da die Göttin die sichtbare, spürbare Welt selbst ist, braucht niemand mittels unglaubwürdiger Dogmen an sie zu „glauben“. Kosmos und Erde sind immer da, in Land und Himmel, in den Gestirnen, in den Elementen, in allen Lebewesen, in jedem Menschen. Alles trägt das vielfältige Gesicht der Göttin, in allem wirken ihre vielfältigen Kräfte.

Deshalb kann die Göttin in all diesen Erscheinungsformen verehrt werden. Dieser lokal verehrte Teil der Göttin steht symbolisch für das Ganze, welches matriarchale Menschen dabei nicht aus den Augen verlieren. Deshalb ist in diesem Zusammenhang der missionarisch geprägte, abwertende Begriff des „Götzendiensts“ falsch. Wie das matriarchale Weltbild auch nichts mit „Vielgötterei“ zu tun hat, auch das ist eine spätere, patriarchale Missdeutung.

Die Verehrung der Göttin in Allem ist auch mehr als nur „Animismus“, bei dem alles als beseelt gesehen wird: In allem lebt das Göttliche, darum wird JEDE Erscheinung

und JEDES Wesen geachtet. Diese „Vielfalt in der Einheit“ gibt für matriarchale Menschen als hoher Wert, sie macht in ihren Augen den Reichtum der Welt aus.

Die Verehrung der Göttin ist daher ein künstlerisch-ritueller Ausdruck, in welchem die Kräfte, welche die Welt gestalten und das Leben tragen, gefeiert werden. Im Zyklus der Jahreszeiten werden die matriarchalen Mythen in großen Volksfesten und Zeremonien gefeiert und die mythischen Gestalten verkörpern sich dabei in den teilnehmenden Menschen.

Alle sind an diesen Mysterienfesten beteiligt und diese gewachsene Tradition ist in einem lebendigen Prozess der permanenten Veränderung eingebunden. Es gibt keine privilegierte Priesterkaste, deren Amtsinhaber gegenüber den tief heruntergestuften, sogenannten „Gläubigen“ autoritär auftreten, da sie meinen allein im Besitz der „Wahrheit“ und der Interpretationsgewalt zu sein.

Im matriarchalen Kontext ist die „Wahrheit“ die aktuelle Ausübung der Verehrung der Welt mit allem, was darin und darauf ist. Diese Ausübung ist von Kultur zu Kultur verschieden, oftmals sogar von Stadt zu Stadt innerhalb derselben Kultur. Da die Vielfalt jedoch ein positiver Wert ist und geachtet wird, ist matriarchalen Völkern jede Missionierung fremd.

Das ist die Struktur des matriarchalen Weltbildes und sie ist völlig anders als die Struktur des patriarchalen Weltbildes und seiner Religionen. „Re-ligio“ als „Rückbindung“ ist hier nicht nötig. Denn man muß sich nicht an etwas zurückbinden, von dem man schon immer Teil ist, so wie die Menschen Teil von Frau Welt sind, das heißt, sich immer schon darin, in der Welt, befinden.

(Quelle: Heide Göttner-Abendroth - "Die Göttin und ihr Heros")
Warum Frauen "die Göttin" brauchen...

…weil das einseitig männlich geprägte und dominierte Gottesbild der patriarchalen Großreligionen (Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus...) und ihr "Religionsmonopol" die Frauen seit Jahrtausenden von ihren spirituellen Wurzeln abschneiden. In der Unterdrückung der weiblichen Spiritualität liegt meiner Erfahrung nach die Ursache für viele seelische und körperliche "Erkrankungen" von Frauen.

Die alten Göttinnendarstellungen und ihre von den patriarchalen Verformungen befreiten Mythen geben uns Frauen in der heutigen Zeit eine Ahnung davon, wie Weiblichkeit jenseits von patriarchalen Rollenzuschreibungen gelebt werden kann.

Denn in der patriarchalen Gesellschaft werden Frauen nur jene Bilder von Weiblichkeit zugestanden und gezeigt, welche für die patriarchale Gesellschaft „unbedenklich“ sind. Konkret ist damit gemeint, daß Frauen nur jene Rollenbilder von Frau-Sein vermittelt werden, die für den Machterhalt des patriarchalen Systems von Nutzen sind.

Dies zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche und patriarchalisierte Frauen erkennen oftmals ihr ganzes Leben lang nicht, in welch eng eingegrenztem Feld sie „Frau sein dürfen“ in einer patriarchalen Gesellschaft. Solange Frauen nicht anfangen über den patriarchalen Tellerrand hinaus zu blicken, halten sie die vorgegebenen und verinnerlichten Bilder – vor allem was ihren Frauenkörper und ihre weibliche Spiritualität, ihre Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität betrifft – für die eigenen Bilder, wie sie als Frau leben sollten.

Erst wenn Frauen die patriarchalen Schleier in ihren Köpfen Schicht für Schicht wieder ablegen – am Besten „abtanzen“ – erst dann können Frauen erkennen, wie sie über die Frauen-Bilder der patriarchalen Gesellschaft für deren Zwecke manipuliert und mißbraucht werden.

Unseren Blick wieder zu öffnen für andere Gesellschaften und Kulturen ist unerlässlich auf diesem bewußten und tiefgreifenden, weiblichen Heilungsweg. Die Beschäftigung mit den früheren, alten Göttinnen hilft uns dabei ganz entscheidend. Wir legen die patriarchalen Zuschreibungen, wie Frau zu sein hat, ab und entdecken die bunte und lebendige Vielfalt weiblicher Lebensformen darunter.

Die Göttinnen begleiten uns auf unserem Weg zurück zu einer neuen Weiblichkeit. Sie helfen uns, für unser Frau-Sein Heute neue Bilder in uns selbst und in weiterer Folge auch in die gesellschaftlichen Strukturen zu bringen und letztendlich erschaffen wir daraus eine neue „Gesellschaft in Balance“, in der alles Leben seinen Platz hat.
Die "Göttin" gibt den Menschen Schutz:

Unter dem schützenden Mantel der Göttin fühlten die Menschen sich jahrtausendelang geborgen und beschützt. Selbst Bischöfe und hohe Würdenträger suchten Zuflucht unter ihrem schützenden Mantel. Doch wovor haben die Menschen bei der Göttin Schutz gesucht? Darüber klärt uns dieses Bild aus dem Burgmuseum in Burghausen klar und deutlich auf:

Maria, die alte Göttin im christlichen Kleid und Mantel, schützte die Menschen vor den Angriffen des patriarchalen Gottes! Denn er ist es, welche Maria "von oben" mit Pfeilen beschießt. Diese Pfeile, die laut christlicher Symbolik "die Pest" darstellen, hat Gott zur Erde auf die Menschen gesandt und Maria, die "geheime Göttin im Christentum", wie Christa Mulack sie bezeichnet hat, hat die Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt unter ihrem schützenden Mantel.

Noch immer pilgern die Menschen zu Marienwallfahrtsorten und bitten dort unbewußt die frühere, große Göttin um Hilfe bei ihren Leiden und Sorgen. Unzählige Votivbilder und Votivgaben erzählen uns bis heute von der großen Heilkraft der Göttin.

"Beten" bedeutet in seinem ursprünglichen Sinne, die "Bethen anrufen". Jene "drei Bethen" Einbeth, Warbeth und Wilbeth oder wie immer die keltischen Nachfahrinnen der Großen Dreifachen Göttin auch geheißen haben mögen.
Mögen immer mehr Frauen ihren Lebensweg wieder unter den Schutzmantel der Göttin stellen und erkennen,
daß sie es ist, welche die Frauen vor den Angriffen der patriarchalen Welt schützt.
Möge ihre Kraft und Stärke mit jeder Frau unter ihrem schützenden Mantel
wachsen und hinausstrahlen in die Welt.




Die Mondin



Unsere Reise zu den Ursprüngen ist

zugleich die Reise in unsere Zukunft.

- Gerda Weiler -
Die Mondin ist die Göttin der Nacht. In ihren Phasen zeigt sie das Gesetz der ewigen Verwandlung. Sie war die erste Zeitgeberin, denn nach ihr konnten die frühen Menschen überall auf der Erde die Woche, den Monat und das Mondjahr genau bestimmen. Daraus entwickelte sich der Mondkalender.

Die Mondgöttin bestimmt über das Wetter und das Klima auf der Erde. Das Meer bewegt sie in Gezeiten, Flüsse und Quellen läßt sie steigen und sinken, sendet den Regen und die Überschwemmungen und macht damit das Land fruchtbar. Vom Wasser, daß die Mondin sendet, hängt das Pflanzenwachstum auf der Erde ab, die Grundlage des menschlichen Lebens.

Deshalb genoß die Mondgöttin in der matriarchalen Epoche auf der ganzen Welt höchste Verehrung. In Alteuropa war sie die "Weiße Göttin" der europäischen, matriarchalen Kulturen. Im Mittelmeerraum galt sie als die Tochter der kosmischen Nacht, der Göttin Nout. Sie war das Ei, das die Schöpferin Eurynome legte und aus dem, als es zersprang, alle Dinge fielen.

Auch war die Mondgöttin für die matriarchale Menschheit der Frühgeschichte nicht nur Zeitgeberin und Wettermacherin, sondern sie zeigte ihnen am Himmel auch die Gesetze des Lebens. Jeden Monat vollzog sie vor den Augen der Menschen das Wunder zu wachsen, voll und rund zu werden, abzunehmen, zu verschwinden und wiederzukehren.

Sie wechselte monatlich vom Leben zum Tod und wieder ins Leben zurück, woran die Menschen den großen Kreislauf von Wachsen, Reifen, Welken, Tod und Wiedergeburt ablasen. Die Vegetation bildete in ihren Augen denselben Zyklus im Laufe des Jahres auf der Erde nach, deshalb sahen sie alle Lebewesen in diese Gesetze des Lebens eingebunden, das durch die Verwandlungen hindurch niemals aufhört.

In diesem Sinne wurde die Mondgöttin in dreifacher Gestalt als die Große Dreifaltigkeit des Matriarchats verehrt: als die weiße Mädchengöttin mit dem silbernen Bogen (zunehmende Mondsichel); als die rote Frauengöttin, die Land und Meer fruchtbar macht (Vollmond); als schwarze Greisingöttin, die das Schicksal bringt (abnehmende Mondsichel und Schwarzmond).

Indem sie wie die Schlange die Haut abstreift und sich wieder verjüngt, verwandelt sich die Mondgöttin dann von der Greisingöttin wieder in die Mädchengöttin und zeigt damit das Mysterium ewiger Wiedergeburt. Die Mondgöttin war in den matriarchalen Kulturen weltweit die umfassendste Göttin überhaupt, sie war den

Menschen Spiegel der Zeit, des Lebens, der Welt, die Große Himmelsmutter.

In Europa wurden in der Epoche der Christianisierung manche Eigenschaften der Mondgöttin, besonders in ihrer Mädchengestalt, auf die christliche Maria übertragen, was die Ikonografie deutlich zeigt: Maria mit der Sternenkrone, auf der Mondsichel stehend. Doch das geschah erst, nachdem die Göttin zuvor zur Menschenfrau und "Magd des Herrn" erniedrigt und dem neuen patriarchalen Vatergott unterworfen worden war.

Der kultische Tanz galt im Matriarchat in erster Linie der Mondgöttin. Die neun Musen waren Mondpriesterinnen und tanzten für die Weiße Göttin, wie es überall in Europa und auf der Welt geschah. Dabei bildete ihr Tanz die komplexen Bewegungen der Mondin und der Planeten nach.

Die Neun ist eine besondere Zahl, weil sie dreimal die weibliche Dreifaltigkeit enthält, die Escheinung der Mondgöttin als Triade. Diese magische Neunzahl der Mondtänzerinnen fand sich besonders häufig in den Matriarchaten des östlichen Mittelmeerraums (minoisches Kreta, prähellenische Griechenland).

Der Tanz war das Hauptmerkmal aller matriarchalen Kulte. Er war dabei nicht nur ausdrucksstarkes Gebet, er war zugleich die wichtigste, magische Praxis überhaupt. Er ist die älteste und elementarste Form der religiösen Äußerung, er ist Magie als getanztes Ritual.

Das ganze Universum mit den Gestirnen darin war für matriarchale Menschen Tanz. In sich ausrollender und einrollender Spiralen tanzten die Himmelslichter scheinbar um die Erde. Wie im Himmel, so auf Erden - das war das Prinzip, nach dem sich die Menschen mit dem göttlichen Universum in Einklang brachten.

Denn nur die Harmonie zwischen dem Makrokosmos des Universums un des Mikrokosmos der Menschenwelt garantierte, daß die Welt nicht aus den Fugen geriet. So taten sie aktiv das ihre, diese Balance aufrecht zu erhalten, und das ist die Magie. Tanzend vollzogen sie dieselben Bewegungen wie die Gestirne am Himmel, und damit hielten sie magisch die Welt im Gleichgewicht.

Wenn alles mit allem verknüpft ist, daß es keinen Teil geben, der aus dem Tanz der Welt herausfällt - das ist es, was sie erkannten. Wissend vollzogen sie deshalb dieses Gesetz der Einfügung auch ihres Teils ins große Ganze, eine Weisheit, die der späteren, patriarchalisierten Menschheit verloren ging.
Das war die Magie der Mondtänze, überhaupt aller Tänze in matriarchalen Kulturen. Die Menschen tanzten für die Vollmondin, priesen ihre Fülle und Schönheit und feierten bei ihrem Erscheinen die Liebesfeste. Dramatisch war dagegen der Tanz für die Schwarzmondin oder gar bei Mondfinsternis, denn dann zeigte die Göttin ihr zyklisches Sterben.

Dieser Tanz war eine Beschwörung zur Wiederkehr der Mondgöttin und währte so lange, bis sie tatsächlich wieder erschien. Auch dann wurde weitergetanzt, um ihr zunehmendes Licht zu begleiten. Dies konnte nächtelang dauern, und es war wichtig, pausenlos und mit aller Kraft zu tanzen, was bis zur Trance, Ekstase und völligen Erschöpfung führte.

Da die Menschen auf diese Weise die Mondgöttin in Tod und Wiederkehr begleiteten, waren sie überzeugt, daß die Göttin auch ihnen die Wiederkehr aus jedem Tod schenken würde. Das menschliche Dasein galt als eine Kette von Abstieg und Aufstieg, Tod und Wiederkehr über das individuelle Sterben hinaus. Es war im phasenweisen Wechsel von Leben, Tod und Wiedergeburt ewig wie das der Göttin, die bei vielen Völkern asudrücklich "die Ewige" hieß. Tod als unverrückbares Ende - diese traurige patriarchale Idee - gab es bei ihnen nicht.

Die Fähigkeit, menschliches Leben dauernd wiederkehren zu lassen, besitzen die Frauen. Sie haben nicht nur die Phasen der Fruchtbarkeit, die den Zyklen der Mondin gleichen ("Menses", d.h. Maß des Mondes), sie bringen auch neues Leben in genau neun Monatszyklen hervor. Dieses neue Leben, das sie gebären, war nach der Auffassung matriarchaler Kulturen nicht ein einmalig individuelles, sondern stets kehrte im Kind ene verstorbene Ahnin oder ein Ahn ins Leben zurück.

Während ihrer Abwesenheit vom Diesseits weilten ihre Seelen in den Armen der Mondin oder in den Flügeln der Göttin der Nacht, oder sie besäten als Sterne ihren Leib. Selig warteten sie auf ihre Wiedergeburt.

Daher waren die Frauen die Töchter der Mondgöttin und ihr Abbild, denn sie taten es ihr gleich. Sie sorgten dafür, daß der Tod jedes Menschen durch Wiedergeburt fortwährend überwunden wurde. Darin waren sie eins mit der Göttin und besaßen ihre Kräfte.

Bei manchen matriarchalen Völkern war es deshalb zweifelhaft, ob Frauen überhaupt sterben. Es hieß, daß sie sich im Alter in die Einsamkeit zurückzögen und dort ihre Haut abwerfen würden, wie die Mondin ihre schwarze Hülle oder die Schlange eine zu enge Haut. Dann kehrten sie jung und frisch wieder zurück. Die Mythen vom Jungbrunnen oder der Altweibermühle, in die alte Frauen hineingehen, um jung wieder herauszukommen, haben dort ihren Ursprung.

Frauen taten einfach alles, was die Mondgöttin auch tat. Als Erfinderinnen der Pflanzenzucht und des Ackerbaus machten sie die Erde durch Bewässerung fruchtbar und ließen die Pflanzen wachsen. Sie hatten Macht über Wind, Donner, Blitz und Regen und galten als Wettermacherinnen wie die Mondin. Sie waren als Kennerinnen der Pflanzenheilkunde die Hüterinnen von Gesundheit und Krankheit wie die Göttin.

Sie maßen nach der Mondin die Zeit und gaben den Menschen mit der Entwicklung des Mondkalenders die erste Zeiteinteilung. Sie waren die Erfinderinnen des Spinnens und Webens und spannen wie die Mondgöttin, die Große Spinnerin, auf magische Weise die Fäden und Gewebe des Lebens.

Was die Göttin im Himmel tat, taten sie auf der Erde. Wie die Dreifaltige Mondgöttin die Bestimmerin des Schicksals aller Wesen war, älter als alle später aufkommenden Götter, so waren es zuerst die Frauen, die das Schicksal der Menschheit durch die frühesten, grundlegenden Kulturschöpfungen bestimmten.

(Quelle: "Die tanzende Göttin" von Heide Göttner-Abendroth)

Magie



Es ist die größte Kraft der Welt, das Leben zu schenken, und die Frauen haben sie.
Von Anfang an und für immer.


- Aus China -

„Magie“ wird in der westlichen Zivilisation negativ verstanden als ein Zeichen von Unwissenheit bei rückständigen Völkern, die glauben, durch gewisse die Natur imitierenden Praktiken diese beeinflussen zu können. Der Glaube an die Wirksamkeit von Magie scheint in dieser Sichtweise nur darauf zu beruhen, daß solche Völker die Naturgesetze nicht kennen und deshalb mit falschen Mitteln Veränderungen bewirken wollen.

Dieser bei uns eingefleischte Begriff von Magie ist im höchsten Grad abwertend und tendenziös. Er durchzieht die gesamte christliche Religionsgeschichte gemäß der Maxime: Religion ist Glaube, Magie ist Aberglaube. Magie wurde verurteilt, und das hat nicht unwesentlich zum Hexenwahn und zur Ermordung von Tausenden von Frauen in Europa beigetragen, denen magische Praktiken vorgeworfen wurden, die nur vom „Teufel“ kommen konnten.

Von Kolonialherren und christlichen Missionaren wurden im selben Sinn magische Praktiken den indigenen Völkern unterstellt, um sie als „primitiv“ herunter zu stufen und mit Recht zu erobern und zu bekehren.

Wenn man jedoch die Weltanschauung matriarchaler Kulturen versteht, erhält man eine Vorstellung davon, was matriarchale Menschen wirklich mit „Magie“ meinen. Sie betrachten nicht nur die gesamte Welt als göttlich, sondern sehen sich selbst al ein Teil von ihr. Folgerichtig betrachten sie sich selbst als mit allem in der Welt in Verbindung.

Sie kennen nicht das abspaltende, dualistische Denken in Gegensätzen von „Mensch“ versus „Natur“ oder „Geist“ versus „Natur“ … Fortsetzung folgt!

Bücher zum Themengebiet:
Frau Holle und das Feenvolk der Dolomiten
Heide Göttner-Abendroth
Die Göttin und ihr Heros
Heide Göttner-Abendroth
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